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Rammstein

Paul Brown, Universal Music

Das letzte Mal, dass ich Paul Landers und Christian „Flake“ Lorenz auf einer Bühne stehen sah, bevor sie zu Rammstein gingen, das muss 1992 gewesen sein, vielleicht auch Anfang 93. „In der UNO steht ein leerer Stuhl“, lallte ihr Sänger in sein Mikrofon: „Darauf saß einmal ein Mann aus Suhl“.

Ein paar Skinheads hatten sich eingeschlichen, stänkerten herum und wurden aus dem Saal geprügelt. Es waren die Zeiten, als in Ostdeutschland kein Tag mehr ohne Ärger mit den Neonazis verging. Paul Landers kratzte an seiner Gitarre, Flake schickte fiepende Geräusche durch sein Keyboard. Und ihr Sänger krakeelte: „Auch in Kenia – gibt’s jetzt eine Botschaft wenia“.

Zwischen ihm und dem Takt lagen jetzt Welten. „Diesmal traf es einen Mann aus Jena“. Paul grinste, Flake fiepte. Paul spielte, glaube ich, schon wieder barfuß. Ich habe ihn in all den Jahren immer irgendwie barfuß über die Bühnen rennen sehen, über all die Scherben und den Dreck, ein bisschen wie Jesus über das Wasser.

„Zwischen der BRD und Polen – da wurde ein Land gestohlen“. Und dann alle Hände nach oben: „Ich such die DDR – und keiner weiß, wo sie ist…“ Ein Riesengeschunkel. Immer noch. Wie bei einem Veteranentreffen. Flake fiepte und Paul grinste.

Aber irgendwie schon auch ziemlich gequält, wie mir schien.

Paul Landers hat in einem Filminterview dazu später mal folgenden bemerkenswerten Satz gesagt: „Ich kann nicht nach drei Jahren immer noch singen „Ich such die DDR“, ich hab die dann gar nicht mehr gesucht, weil: Ich wusste ja, wo sie ist. Die ist weg! Weeßte? Das muss dafür herhalten, dass die alle nicht klarkommen mit dem Westen. Man muss aber klarkommen. Wenn einer in der Scheiße steht bis zu den Knien, blöder Vergleich, aber irgendwann muss man sich eben Gummistiefel koofen, dann geht’s weiter.“

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Das bisher letzte Mal, dass ich Rammstein auf einer Bühne sah, war im Dezember 2010 in New York. Das Rezeptionsverhalten der Menschen hatte sich grundlegend geändert: Wo früher johlend Bierbecher hochgehalten wurden, waren es jetzt Mobiltelefone und Digitalkameras; jeder wollte den Augenblick von Zeit befreien oder vielleicht auch nur ein Objektiv zwischen sich und das Überwältigende bringen. Ständig passierte ja was. Feuerwerk. Kleine Spielszenen. Große Bilder. Noch größere Albernheiten. Till Lindemann mit Licht in der Kehle, mit brennenden Engelsflügeln, mit Flake im Kochtopf. Rammstein legten Amerika in Salz und Eiter. Sie sollten dafür in Beifall untergehen: In ihren dicken Stiefeln verbeugten sie sich nicht nur wie im Theater nach dem Schlussvorhang, sie knieten am Ende sogar tief in Demut nieder vor den … tja: Wie viele Plätze hat der Madison Square Garden in New York noch mal? Und wenn die in dreißig Minuten ausverkauft sind – was bedeutet das dann umgerechnet in Dollars, Ruhm und Ehre? Andere Bands würden einen ausverkauften Madison Square Garden als Ziel aller Karriereträume werten. Nicht wenige davon würden sich Körperteile abhacken dafür. Paul Landers aber sagt eine knappe Stunde vor dem Konzert: „Wir sind eigentlich mit der Hand in der Tasche auf dem Klapprad hergeradelt.“ Und Flake spielt sowieso am liebsten in Städten wie Katowice oder Ostrava.

Dies ist eine Geschichte aus dem Osten, wo die Zahlen nichts und die Worte alles waren. Das tut mir leid, aber anders werden wir der Sache nicht gerecht werden können. Irgendwo kommen Rammstein schließlich her. Und wer ebenfalls da herkommt und sie an jenem Abend gesehen hat, im tobenden Madison Square Garden, der hatte, mitten in Manhattan, plötzlich Orte wie Elsterwerda, Pulsnitz oder Röderau vor Augen: kleine, graubraune Käffer, die sich ängstlich in die Furchen des kleinen graubraunen Landes ducken, das es nun schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gibt. Das hier ist eine dieser Geschichten aus dem Osten, die immer so tun, als müsste man schon selbst dabei gewesen sein, um mitreden zu können. Und das ist, einerseits, natürlich grundsätzlich Unfug, denn alles steht immer allen zur Beurteilung frei. Andererseits hat es aber auch eindeutig etwas für sich, wenn man auf Anhieb weiß, was gemeint ist, wenn alle bei Rammstein „Ach ja, das Broilerbild“ sagen, sobald vom Cover des Albums „Herzeleid“ die Rede ist, auf dem die sechs mit freien, goldfarbig eingeschmierten Oberkörpern posieren. Broiler, soviel nur schon mal dazu, Broiler war der amerikanische Handelsname für ein spezielles Schnellmast-Brathähnchen, das im Westen keiner haben wollte und das deshalb, übrigens über ein bulgarisches Handelspatent, später in Ostdeutschland große Karriere machte; oft sprach man auch von „Goldbroiler“. Unnützes Wissen, hier endlich mal an den Mann gebracht.

Andere, wesentlichere Dinge wusste ich dafür bisher nicht. Zum Beispiel, warum Flake Flake heißt. Inzwischen weiß ich es: Nach Halvar, dem Häuptling von Flake aus „Wickie und die starken Männer“ natürlich; ein Spitzname aus Vorschultagen, die Flake allerdings als eines der wenigen Kinder in der DDR nicht im Kindergarten verbrachte. Die Folge: Der Mumps erwischt ihn erst im reifen Mannesalter. Ich kann mich noch daran erinnern, einige Konzerte mussten ohne ihn gespielt werden. Ich kann mich aber auch daran erinnern, dass Flake schon zu Feeling-B-Zeiten oft krank war, zum Beispiel ausgerechnet während der Aufnahmen zu deren erster Platte. Flake lieferte seine Gesangsbeiträge damals dann durch das Telefon auf dem Flur im Krankenhaus Prenzlauer Berg ab, was sowieso viel stimmungsvoller klang.

Über solche Sachen reden wir, als ich ihn treffe: Über Mumps und darüber, wie es sich im Bademantel so singt im Krankenhausflur und was das mit der Musik von Rammstein zu tun hat. Es spricht hier nämlich eher der Zeitzeuge als der Popexperte. Wäre ich Popexperte, könnte ich das hier gar nicht schreiben. Hauptamtliche Popexperten, die deutschen jedenfalls, sind verpflichtet, Rammstein ganz entsetzlich zu finden, sonst kriegen sie ihre Schreibtische und Brillen weggenommen. Ich dagegen darf meinen Spaß daran haben. Und in den fließt eben immer auch der Vergleich mit der Ausgangslage mit ein. Denn fast alles, was Rammstein heute ausmacht, war vorher schon irgendwie angelegt. Aber gleichzeitig war es das Unwahrscheinlichste der Welt, dass das einmal Stadien füllen würde, schon gar nicht im Ausland.

Ich habe fast alle Mitglieder von Rammstein schon einmal erlebt, bevor sie zu Rammstein wurden. Bei Feeling B und Die Firma, bei der Ich-Funktion und bei den Inchtabokatables und wie diese Bands alle hießen. Sogar Das Auge Gottes, wo Richard Kruspe für die Robert-Smith-Lookalikes Nordostdeutschlands die Gitarre spielte, habe ich, glaube ich, mal gesehen. Nur First Arsch leider nicht, die Band, in der Till Lindemann am Schlagzeug saß. Das bedauere ich bis heute, das soll sehr unterhaltsam gewesen sein. Einer Auskunft Richard Kruspes zufolge muss Lindemann lebendige Hühner in der Basstrommel gehalten und Autos in die Luft gejagt haben; offenbar wurde ihm damals bereits langweilig, wenn zu wenig los war auf der Bühne.

Ich habe mir das dann von den Rammstein-Mitgliedern selbst erklären lassen, wie es von dort nach hier ging. Wie es wurde, was es ist. Die haben ja alle bis heute noch ihre Wohnungen um die Ecke im Prenzlauer Berg, wo alles anfing.

Denn Rammstein war zwar das genaue Gegenteil von dem, was sie alle vorher gemacht hatten. Aber Wissenschaft wie Weltgeist halten nichts von Revolutionen; wenn sich beide dereinst über Rammstein beugen, werden sie vielmehr eine brachiale Evolution erkennen, eine der trotzigsten Anpassungen an veränderte Verhältnisse, die ich kenne.

Aber deswegen müssen wir eben erst einmal zurück in jenes andere, verschwundene Land – nach Hohen Viecheln und Ilmenau und in das Schlammloch von Steinbrücken, das Woodstock Thüringens. Ostdeutschland in den 1980er Jahren: Das sind Bilder ohne Farbe, das ist grobkörnige Schwarzweiß- Melancholie, das sind Feldwege mit großen Pfützen, in denen sich Kinder spiegeln, die als Punks zurecht gemacht sind. Ich sehe uns noch über diese Felder stampfen, in viel zu großen Springerstiefeln, auf irgendein Dorf zu, weil dort ein Konzert sein sollte. Weil irgendwer das Gerücht in unsere kleine Welt gesetzt hatte, Bands aus dem großen Berlin spielten da im Dorfgasthof. Ich sehe uns noch über die Felder stampfen, weil irgendein anderer das Gerücht aufgebracht hatte, dass am Bahnhof jenes Dorfes Verhaftungen vorgenommen würden von der Polizei, so dass wir, aus Angst und Aufregung, lieber eine Station eher ausgestiegen waren. Und ich weiß noch, dass mit uns ein Langhaariger lief, ein Bluesfreak, ein Kunde und ein Penner, wie wir solche Typen nannten; einer, der Römersandalen trug, aus denen vorne die Socken rauswuchsen, und das mitten im Winter. Ich hatte geglaubt, dass das der natürliche Feind sei, und dass das jetzt gleich Ärger geben würde; aber die Älteren sagten: Warum denn? Der gehe zum gleichen Konzert, der habe den gleichen Stress, und außerdem brauche man die Langhaarigen später noch zum Zigarettenschnorren, die hätten immer welche und gäben sanftmütig. Das ist das erste, was man der Welt da draußen immer mal wieder klarmachen muss: Dass Punks im Osten eben nicht das Gegenteil der Hippies waren, sondern deren Fortsetzung mit anderen gestalterischen Mitteln. Punks in der DDR waren Hippies mit nach oben geföhnten Haaren – oder sie wurden über kurz oder lang lieber Skinheads.

Das andere, was immer mal wieder erläutert werden muss, ist die Tatsache, dass Punk in der DDR ein sehr ländliches Vergnügen war. Die Leute kamen zwar aus den Städten und die Bands erst recht, aber für die Konzerte mussten sie, Wochenende für Wochenende, rausfahren aufs Land. Die Säle in den Bezirksstädten waren für die offiziösen DDR-Rockmusiker reserviert, für Leute, die an der Musikhochschule Cembalo oder Falsettgesang studiert hatten und Sachen machten, gegen die sich Pink Floyd roh und dilettantisch ausnehmen sollten. Alle subversiveren, lebendigeren Klänge sollten besser zwischen Sümpfen und Kuhställen verhallen. Erst die richtig staatsfeindlichen Bands konnten wieder in den Städten spielen, dann allerdings illegal oder unter dem Dach der evangelischen Kirche. Pogo in der Kirche – auch dies so eine Sache, die damals im Osten normal war, im Rest der Welt aber, vermute ich mal, eher nicht. Das lag an einem byzantinischen Genehmigungsverfahren. Rockbands brauchten Spielgenehmigungen, eine sogenannte „Einstufung“; eingestuft wurden sie von einer Jury, der sie vorspielen mussten, diese Jury entschied dann, auf welchem Niveau die Menschen des Landes hier unterhalten wurden. Man darf sagen, dass die Jurys so ganz falsch nicht lagen: Das Niveau, auf dem diese Bands musizierten, war größtenteils tatsächlich dörflich. Punk eben. Es kam bei dieser Musik nicht so sehr darauf an, wie sie klang, sondern dass sie überhaupt gemacht wurde. Denn dass sie gemacht wurde, bewies, dass man Löcher hauen konnte in die Enge dieses zugemauerten, auch mental so irrsinnig vernagelten kleinen Landes. Und so kam es, dass diejenigen Jugendlichen, die ohnehin das Bild störten, an den Wochenenden freiwillig die Großstädte verließen. Ein ganz cleverer Trick eigentlich, in den Ballungsräumen, die dem Sozialismus so wichtige Ruhe und Ordnung zu wahren. Sollten sich die Kulturhausleiter der Provinz mit der Meute herumschlagen. Dann wurde es dafür eben mal ein bisschen lauter in den Waggons der Deutschen Reichsbahn, dann mussten die Schaffner mal besser in ihren Abteilen bleiben, dann schauten die Bauern hinter ihren Gardinen hervor, als ob die Russen schon wieder einmarschierten, und wenn sich das Gerücht als falsch herausstellte, wenn gar kein Konzert stattfand, wenn vor dem Gasthof oder dem Kulturhaus der Wirt bedauernd und ahnungslos die Schultern hob, was häufig genug vorkam, tja, dann hatte das arme Dorf wirklich einen schlechten Tag erwischt. Wenn das Gerücht aber stimmte, und es fand ein Konzert statt, dann lief das meistens so ab, dass zuerst eine Band Blues spielte, dann eine andere Punk, dass also erst die, deren Haaren lang nach unten zeigten, ihre Kreiseltänze aufführen konnten, und im Anschluss die, deren Haare nach oben wiesen, ein bisschen herumhüpfen. So gewaltig war der Unterschied wirklich nicht, und der Rest wurde in Bier eingelegt. Aber selbst dann konnte nicht offen gesprochen, geschweige denn herumgegröhlt werden; die Hälfte der Anwesenden, ahnte man damals, war bei der Staatssicherheit. Heute weiß man, es waren eher zwei Drittel. Deshalb waren Metaphern so wichtig, Allegorien und Mehrdeutigkeiten; auch die Dinge, die zwischen den Zeilen stehen, kann man schließlich schreien.

Und immer spielten da ein kleiner, lachender Blonder und ein Langer mit Brille eine Rolle. Mal an den Instrumenten, mal hinter den Reglern, mal sonst wo. Leute, die sich auskannten, sprachen kennerhaft von „Paul“ und „Flake“.

Sie waren damals mit einem alten, zappelnden Mann unterwegs, der nicht singen konnte, wirklich gar nicht, aber der war nun einmal der Sänger. Vermutlich war das der Posten, auf dem er am wenigsten Schaden anrichten konnte an der Musik. Oft fiel er nach einigen Titeln auch schon von der Bühne, er war wirklich oft betrunken; Flake sollte später einmal berichten, dass im Ganzen nicht mehr als vier oder fünf Konzerte heil und vollständig bis ins Ziel gebracht wurden zu jener Zeit. Aber das war eben der Erfinder der Band – und, wenn man so will, auch der von Paul Landers und Flake, die er schon als Halbwüchsige für seine Band rekrutiert hatte. Dieser Mann, Aljoscha Rompe hieß er, war ganz klar ein Genie, also nah dran am Wahnsinn. Sein historisches Verdienst ist es, erstens, den unschlagbar uncoolen Bandnamen „Feeling Berlin“ ausgewählt zu haben, der durch die Abkürzung zu dem irgendwie nach Gefühlsrückseite oder Zweite Wahl klingenden „Feeling B“ nicht besser wurde. Sein historisches Verdienst ist es aber, zweitens, auch, die DDR als real existierenden Hippie-Himmel enttarnt zu haben. Wo andere irgendwann nichts als Mauern sahen, ein Gefängnis, das bevölkert war von autoritären Duckmäusern, da entdeckte Aljoscha mit seinen minderjährigen Musikknechten verblüffende Räume der Freiheit für ein Leben nahezu ohne Geld, mit und von lauter Freunden und Musik und Weibern und immer und vor allem ordentlich was zu Trinken. Der Sozialismus war, eine gewisse Ambitionslosigkeit vorausgesetzt, kein schlechtes System für Aussteiger; ein Paradies mit bis zu drei Promille. Ich glaube, es ist vor allem das, was Flake zum milden Erschrecken seiner Interviewer bis heute noch so offensiv gut findet an der Zeit vor dem Mauerfall: „In der DDR musste keiner Karriere machen – gegen wen denn?“

Paul Landers zweite Band, Die Firma, war das genaue Gegenteil. Feeling B sangen: „Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne“. Die Firma sang: „Wir sind die Kinder der Maschinenrepublik“. Zwei verschiedene Arten, auf das gleiche Problem zu schauen, ein bisschen wie bei Demokrit und Heraklit, dem lachenden und dem weinenden Philosophen, um an dieser Stelle mal ein bisschen gebildet daherzureden. Die Firma war jedenfalls eine programmatisch schlechtgelaunte linksradikale Moralanstalt mit einer Art Rosa Luxemburg als Sängerin. Noch im Nachhinein kaum zu glauben, dass Richard Kruspe hier eine Zeit lang mitgewirkt haben soll – der breitbrüstige Ringer aus Schwerin, er passte eigentlich schon optisch gar nicht da rein. Aber er war dort der Nachfolger von Paul und manchmal sogar dessen Krankheitsvertretung bei Feeling B, deren ständiger Gastschlagzeuger im übrigen Christoph Schneider hieß und mit Kruspe die Wohnung teilte – und mit Kruspes Landsmann Oliver Riedel. Inzestuöser Musikermoloch Ost-Berlin! Jeder spielte da mal mit jedem. Ein bisschen so, wie sich der Westen bis heute das Sexualleben der Ostdeutschen vorstellt, überwiegend ja sogar zu Recht.

Es hatte allerdings in der Zwischenzeit die Jahre 1989 und 1990 gegeben. Den Mauerfall, das Ende der DDR. Die Welt war, gelinde gesagt, nicht mehr ganz dieselbe. Nur der Ostberliner Underground hielt es wie die Comicfiguren, die überm Abgrund einfach weiterrennen. Das Publikum rannte ja auch weiter. Bis einer nach dem anderen wegfiel. Zum Beispiel ich.

Erst Jahre später, ich wohnte vorübergehend in Madrid, holte mich das alles wieder ein. Ich saß da mit einem Freund aus Westdeutschland bei ein paar cañas de cerveza und wir kamen irgendwie auf Laibach und Ministry und Jello Biafras Industrial-Projekt LARD, wir sprachen über die große Hamburger Band Eisenvater und über so Sachen wie Oomph! und Die Krupps natürlich auch. Es ging uns um die Frage, ob Gitarren noch eine Zukunft hatten, seit Techno härter war als Heavy Metal. Und da erwähnte der Westdeutsche plötzlich Rammstein. In Berlin gebe es neuerdings so eine Band, die ganze Säle unter Feuer setze, mit Mitgliedern von einer alten Spaßpunkkapelle, die ich eigentlich noch kennen müsse, so als Ossi…

Es war damals noch nicht so wie heute, dass einem in Spanien jeder zweite, der eine Tätowierung trägt, das komplette Rammstein-Repertoire auf deutsch vorsingen kann, aber es war zum Glück der Sommer, in dem auch dort David Lynchs „Lost Highway“ anlief. Und da habe auch ich Rammstein dann endlich zum ersten Mal gehört. Lavaartig, schwer und toxisch rollte diese Musik durch die Filmsequenzen, eine Art Umweltkatastrophe für die Ohren. Und dazu ein Gesang wie ein Grabstein mit Inschriften in Fraktur: Ich fürchte, dass ich das Kino in einem Zustand verließ, der dem des Protagonisten im Film nicht unähnlich war. Als hätte mir jemand recht heftig vor den Kopf geschlagen. Richard Kruspe erzählt, dass sie David Lynch eigentlich als Regisseur für ein Video anfragen wollten. Die Plattenfirma habe das zwar für Größenwahn gehalten, ihm dann aber trotzdem ein paar Aufnahmen geschickt. Für diese Entscheidung werden sich alle noch lange beglückwünscht haben. Ich glaube, man darf sagen: Paul und Flake haben Rammstein bei den Ostdeutschen bekannt gemacht, David Lynch beim Rest der Welt.

Dabei sagt Christoph Schneider, dass er seine beiden Kollegen von Feeling B am Anfang eigentlich nicht unbedingt in der Band haben wollte; er war bei denen ja gerade erst ausgestiegen und wollte mit Kruspe und Riedel etwas Eigenes machen. 1993 waren Feeling B noch zu einer Tour durch die Vereinigten Staaten aufgebrochen, und das beschreibt Christoph Schneider noch heute als das eigentliche Konversionserlebnis: Dieser moderne amerikanische Metalsound von Bands wie Pantera, die Präzision, die Härte, die vielen Breaks… das war das eine, was sie alle da infiziert habe. Das andere war: die professionelle Einstellung. Der Ernst, die Leidenschaft, die nackte Lebensangst, mit der sie selbst die unbekanntesten Kneipen-Bands um ihr Abendessen spielen sahen. 1993, sagt Schneider, sei das Jahr gewesen, in dem auch in Ost-Berlin für viele Leute die Entscheidung anstand, ob sie weiterhin nur aus Spaß Musik machen wollten – oder ernsthaft und als Beruf. Die DDR war Geschichte, nun ging auch die anarchische Wendezeit zu Ende, ab jetzt war Westen, ab jetzt begann sozusagen der Ernst des Lebens. Und bei Rammstein, so wird das Paul Landers später formulieren, bei Rammstein hätten sich Leute gefunden, die im Fahrstuhl die gleiche Taste gedrückt hatten. Auch Richard Kruspe sagt, dass er um diese Zeit keinerlei Lust mehr hatte auf die alten Litaneien von Die Firma, und dass auch er Sachen wie Pantera viel interessanter fand oder sogar die Red Hot Chili Peppers, und die Band Orgasm Death Gimmick, die er damals mit ein paar anderen gründete, die war ein einziges Bekenntnis zu diesen Interessen. Aber auch Kruspe verbrachte den Sommer 1993 in Amerika – gemeinsam mit seinen Schweriner Freunden Oliver Riedel und Till  Lindemann. Und dort, sagt Kruspe, habe er begriffen, dass es keinen Sinn habe, die amerikanischen Bands, die man mag, zu kopieren. Es klinge dann halt eben immer nur wie eine deutsche Kopie einer amerikanischen Band. Im Grunde habe er immer einen „irgendwie stampfenden Sound“ im Sinn gehabt, „eine Mischung aus Industrial, Crossover und deutschem Rhythmus.“ Deutscher Rhythmus?

Sturer, auf die Eins geklopfter Viervierteltakt. So wie die Deutschen klatschen. Wenn die Deutschen zum Mitklatschen animiert werden, von einem Schlagersänger zum Beispiel, werden sie, egal wie der Rhythmus eigentlich ist, nach spätestens einer halben Minute in dieses Schema einfallen, in ein Marschieren mit den Handflächen. Kann man in jedem Musikantenstadl beobachten. Kann man sich mal Gedanken drüber machen. Kann man aber natürlich erst recht für deutsche Rockmusik benutzen. Was Rammstein letztlich zu Rammstein macht – und was Rammstein gleichzeitig auch immer am heftigsten vorgeworfen wird – das ist, anders gesagt, die Einsicht, dass Deutsche zwar Salsa-Unterricht nehmen können, soviel sie wollen, es wird bei ihnen trotzdem immer so eckig aussehen, dass es klüger wäre, lieber gleich Schuhplattler zu tanzen. Aber zu dieser Einsicht mussten auch sie sich offensichtlich erst gegenseitig ermutigen. Als Paul Landers dazustieß, sagt er, habe das, was einmal Rammstein werden sollte, immer noch stark nach Pantera geklungen. Nach „Hilfs-Pantera“. Es hieß auch noch nicht Rammstein, sondern „Tempelprayers“, und Till Lindemann sang englisch. Dass Landers überhaupt dazustieß und dann auch noch Flake, das lag, wenn meine Informationen richtig sind, vor allem daran, dass Lindemann sie dabeihaben wollte – unter anderem damit eben Leute wie ich überhaupt auf die Band aufmerksam werden.

Till Lindemann wiederum wurde von den Feeling-B-Leuten verehrt. Flake sollte noch Jahre später in einem Interviewbuch über die erste Begegnung regelrecht schwärmen: „Till sah gut aus, eben so ein großer Bauer, der einen Satz in der Stunde spricht. So was hat uns beeindruckt. Es war immer Schnaps und Essen da. Er hat einfach irgendwo zwei Enten geklaut und auf einem Kuchenblech gebacken. Es war wie bei Dornröschen, überall lagen wie erstarrt Leute rum, in allen Ecken und Truhen. Das fanden wir schon ein bisschen gut.“

Lindemann saß seit Jahren wie ein klassischer Aussteiger vor seiner Bauernkate in Mecklenburg und flocht Körbe. Korbflechter, das war einer dieser Exotenberufe, in die sich flüchtete, wer in der DDR nichts mit dem normalen sozialistischen Arbeitsalltag zu tun haben wollte. Aber Kruspe wusste, dass Lindemann beim Körbeflechten immer recht interessant vor sich hin sang – und dass er als Schlagzeuger, bei allen Hühnern in der Basstrommel, womöglich eine Verschwendung war. Oliver Riedel schließlich spielte zu jener Zeit als Schwangerschaftsvertretung bei den trotz ihres Namens damals im Osten sehr erfolgreichen Inchtabokatables. Was er da allerdings zu spielen hatte, war eine äußerst aufgekratzte Form von Folk mit veitstanzartigen Geigen und so weiter. Es ist jedenfalls nachvollziehbar, dass auch Riedel Lust auf etwas anderes hatte.

Sechs Männer, sechs zum Teil widerstrebende Charaktere und Interessen. Es muss zermürbend gewesen sein, daraus das quasikommunistische Kollektiv zu schmieden, von dem noch das Lied „Haifisch“ so Bertolt-Brecht-haft erzählt, aber es war, wie sie alle sagen, auch die einzige Lösung. Jede musikalische Entscheidung braucht mindestens vier Stimmen, sonst wird nichts daraus, sagt Christoph Schneider, dessen auffälligen Eigenmächtigkeiten bei der Haarlänge schon einen schweren Störfall in der Gruppendisziplin darstellen. Richard Kruspe berichtet von quälenden Auseinandersetzungen – und dass trotzdem dieser für die Eitelkeit des Einzelnen absolut grausame Kollektivismus das Erfolgsgeheimnis von Rammstein sei.

Kruspe kann in seiner Küche übrigens exakt die Stelle zeigen, wo sie damals ihre ersten Versuche unternahmen. Da hat Till Lindemann noch unter der Bettdecke gesungen, damit die Nachbarn nicht gleich die Polizei holen. Und dort drüben, wo jetzt das „White Trash“ drin ist, war die Muckibude, in der sie nach der Probe Hanteln stemmen gingen. Und da hinten auf dem Hof, wo auch mein Autoschrauber seine Werkstatt hat, da ist das Broilerbild entstanden… Stadtführer sollten anfangen, Rammstein-Touren durch den Prenzlauer Berg anzubieten, wenn der einstige Dissidentenstadtteil weiterhin so durchsaniert wird, als ob mit der Farbgestaltung krebskranken Kindern eine letzte Freude gemacht werden soll, dann glaubt einem eines Tages keiner mehr, das so etwas hier einmal entstanden sein soll.

Zu dem Thema Muskeltraining gibt es übrigens eine Reihe sehr interessanter Aussagen. Christoph Schneider sagt, dass einerseits die beiden Schweriner Leistungssportler, Lindemann und Kruspe, mit ihrer Physis die anderen gewissermaßen unter Zugzwang setzten – und andererseits das Vorbild dieser fitten, amerikanischen Hardcore-Bands mit ihren beeindruckenden Oberkörpern. So sei auch das Broilerfoto gemeint gewesen: Sie dachten, das sehe „cool“ und „amerikanisch“ aus, so ein bisschen mit golden glänzender Brust vor einer Blume herumzustehen. Dass es ihnen als „schwul“ und „teutonisch“ um die Ohren gehauen wurde, hat sie insofern gleich doppelt überrascht. Richard Kruspe hingegen sagt zum Themenkomplex Rammstein und Sport: Sie seien trainieren gegangen, weil sie damals alle gerade verlassen worden waren oder sich getrennt hatten; und als Single mache man sich sozusagen automatisch wieder fit für den Markt. Paul Landers bestätigt das mit den kaputten Beziehungen, ergänzt aber, einige seien auch erst wegen der Band und dem vielen Training in die Brüche gegangen. Rammstein sei einfach ihr zweiter Frühling gewesen, etwas Neues. Vorher nichts als Party, jetzt: Sport, Disziplin, Ordnung. Das strukturiere letztlich auch noch einmal die Musik. Vielleicht eignet die sich deshalb umgedreht wiederum so ideal für das Fitnessstudio. Rammstein, das weiß man, ist bei Sportlern eine beliebte Motivationsmusik unmittelbar vor dem Wettkampf; das Lied „Sonne“ wurde ja sogar ursprünglich mal als Einmarschmusik für die Klitschkos geschrieben, der Refrain eignet sich aber auch wunderbar für Sit-ups: Er treibt an und erspart einem gleichzeitig das Zählen.

„Feeling B waren unschuldig und lustig, Rammstein sind ernst und schuldig“, hat Landers einmal in einem Interviewband gesagt: „Feeling B war der Osten, Rammstein sind der Westen“. Trotzdem ist es nicht nur ein Bruch, sondern auch eine Weiterentwicklung: Richard Kruspe hatte das Riff von „Sehnsucht“ schon für Orgasm Death Gimmick geschrieben. „Herzeleid“, sagt Paul Landers, stamme im Wesentlichen noch von Feeling B. Und Christoph Schneider meint sich zu erinnern, dass weite Teile von „Heirate mich“ schon in der Magdalene-Keibel-Combo entstanden seien, einem Nebenprojekt von Paul und Flake „und immer einem anderen Schlagzeuger, der die Lieder nicht kennen durfte.“ Man muss vielleicht wissen, dass in der Magdalenenstraße das Ministerium für Staatssicherheit lag und in der Keibelstraße das Untersuchungsgefängnis der Volkspolizei, um die Schönheit dieses Namens gänzlich auskosten zu können. Bei Konzerten wurden die Lieder in alter Rockermanier angezählt – und dann wurde mit dem Zählen allerdings nicht mehr aufgehört. Nach etwa einer Dreiviertelstunde sei man ungefähr bei Tausend; da trenne sich im Publikum allmählich die Spreu vom Weizen. „Rock gegen Rock“ hatten Paul und Flake dieses Vorgehen getauft, sozusagen als ästhetisches Protestprogramm gegen den Trott auf den Bühnen. Flake tat in seinem Nebenprojekt Frigitte Hodenhorst Mundschenk ganz Ähnliches, wenn er stundenlang auf dem gleichen Ton Ausstellungseröffnungen beschallte, wo sie zuvor den Fußboden in Benzin getränkt und dann angezündet hatten. Bei einem ihrer ersten Konzerte haben Rammstein das gleiche dann mit dem kompletten Zuschauerraum gemacht: Das Publikum stand kurz zwischen Flammen, und danach war die nötige Grundhitze im Raum. Das hatte damals in Berlin ihren Ruf begründet. Es spricht einiges dafür, dass entscheidende Bestandteile der Rammstein-Ästhetik ihre Wurzeln in den expressionistischen Happenings der späten DDR-Kunstszene haben. Rammsteins Flammenwerfer hatten schon Feeling B angeschafft, als sie anfingen, Mittelalterspektakel zu veranstalten und in Theaterkostümen über die Bühne zu geistern. Übereinstimmend wird von den Bandmitgliedern berichtet, dass Till Lindemann sich das Ding vor allem deshalb schnappte, um etwas zu tun zu haben, wohinter er seine Schüchternheit auf der Bühne verstecken konnte. Eine Flasche Korn habe Lindemann kippen müssen, um am Anfang selbst im Probenraum ein einigermaßen kraftvolles „JA!“ herauszukriegen, berichtet Richard Kruspe. Und es sieht ganz so aus, als ob dieser tiefe, böse Sprechgesang, auf den er dann irgendwann verfiel,  nichts anderes ist als ein weiterer Flammenwerfer: ein Instrument, um sich dahinter zu verstecken. Wenn man sich nämlich mit Till Lindemann unterhält, dann spricht er überhaupt nicht tief. Er spricht vielmehr leise. Man möchte fast sagen: versonnen. Warum dann überhaupt dieses tiefe Gegurgel? Weil die Stimme das sechste Instrument ist? Und daher tiefer gestimmt, so wie die Gitarren? Lindemann: Und weil der Refrain fliegen sollte, also höher sein muss. Der Refrain sei übrigens immer das schwerste. Da die „drei, vier geilen Wörter zu finden“ – das sei so entscheidend wie bei der Musik die eingängige Melodie. „Fleisch, Tier, Eifersucht…“: Also, in der deutschen Musiklandschaft habe er sich nahezu alle starkfarbigen Wörter schon unter den Nagel gerissen.

Und das rollende R, um das es immer so viel Aufregung gibt? Kommt erstens automatisch, wenn man so tief singt. Ist zweitens natürlich auch rhetorisches Overacting.

Ich hatte da eigentlich auch immer zuerst an eine Entsprechung zu den theatralisch weit aufgerissenen Augen in alten Stummfilmen denken müssen. Und dann an irre gewordene Kammersänger; die rollen bei ihren Schubert-Abenden ja auch das R, als würden sie es mit Mundwasser spülen. Wer Rammstein Böses will, sagt in aller Regel allerdings, das rollende R klinge „teutonisch“ und nach Hitler. Dazu wäre vielleicht anzumerken: Wie das klang, wenn die Teutonen gesungen haben, falls die überhaupt Zeit dazu hatten, weiß in Wirklichkeit kein Mensch. Aber Hitler hat in der Tat sein R gerollt. Der kommunistische Kampfsänger Ernst Busch in seinen Spottliedern auf Hitlerrr, „diesen faden Temperrenzlerr“, allerdings auch. Soweit ich weiß, war das ein ziemlich verbreiteter Ausdrucksgestus in den zwanziger und dreißiger Jahren. Und ich glaube fest, dass es ganz generell das holzschnitthaft Vergröberte, das Schießbudenartige und ostenativ Altertümliche an Lindemanns Sprache und Darbietungsstil ist, was ganz wesentlich zum Erfolg von Rammstein  beiträgt. Zu dem monumentalen Hass, den diese Band auf sich zieht, allerdings auch.

Rammstein, das ist in erster Linie ja die Synthese von Computern und Gitarren, das ist die Addition eines Riffs, bis daraus Monumentalität entsteht – so wie es immer eine ganze Menge Säulen braucht, damit ein Tempel daraus wird. Wenn die beiden Gitarristen sogar die wenigen Soli deckungsgleich spielen, wie in „Du riechst so gut“, dann ist das im Grunde der alte Trick von Sergio Mendes, der die Refrains immer von zwei Sängerinnen gleichzeitig trällern ließ, damit es voluminöser und schwebender klang. Und wenn der eine Gitarrist dabei Röhrenverstärker benutzt, der andere aber digitale, dann, so hat mir das Richard Kruspe jedenfalls erklärt, dann treffen sich Volumen und Kontur, Wärme und Definition, dann gibt das sozusagen dicke Säulen mit scharfen Kanten. Die körperliche Reaktion, die typischerweise durch solche Metal-Riffs hervorgerufen wird, ist ein heftiges Nicken mit dem Kopf; von außen sieht das deswegen immer so aus, als würde man beim Zuhören jedem einzelnen Riff entschieden zustimmen. Die körperliche Reaktion, die Oliver Riedel und Christoph Schneider mit ihrer Arbeit hervorrufen, zielt auf die tieferliegenden Regionen: Manche wollen tanzen, manche mit dem Fuß aufstampfen, manche energischen  Geschlechtsverkehr haben. Oben ist Heavy Metal, unten ist Rave. Nirgends ist diese Spannung natürlich so perfekt wie auf „Sehnsucht“ mit ihren Breakbeats und Clubsounds. „Du hast“ hätten sie im Grunde auch auf der Love-Parade spielen können, gewissermaßen als einzig realistischen Beitrag zum Thema.

Und dann eben auf der einen Seite Flake, der musikalisch wie auch in seiner Bühnenperformance wie ein Mad Scientist dazwischen herumfuhrwerkt – und auf der anderen Seite Till Lindemann, die Stimme aus dem Kissen, aus der Truhe, aus dem dicken, verbotenen Buch im Keller. Andere Industrial-Bands lassen den Gesang wie eine weitere quietschende Werkshallentür klingen oder schicken ihn digitalverzerrt durch Gegensprechanlagen. Bei Rammstein kommt er mit großem Geknacke durch das Unterholz vom Märchenwald gebrochen. Vielleicht ist das der entscheidende Trick: Gitarren, Schlagzeug und Bass produzieren dröhnende, treibende Gegenwart, Flake spielt irgendwo in der Zukunft oder einem Paralleluniversum, und Till Lindemanns Gesang kommt, wie ein schlechtes Gewissen, tief aus der Vergangenheit und präsentiert die Grimmschen Kinder-, Haus- und Horrorgeschichten aus dem Deutschland von heute. Und das Deutschland von heute ist nun einmal ein Land, in dessen lebkuchenartigen Fachwerkhäusern Menschen in den Ofen geschoben und aufgegessen werden, wie es bei den Gebrüdern Grimm im Buche steht und von Lindemann in „Mein Teil“ nun eben besungen wird.

Nun passiert das allerdings auch wiederum nicht ständig. Es passiert auch Erfreulicheres. Auch in Deutschland sind die Menschen manchmal ganz nett zueinander, viele bevorzugen Sex ohne Gummimasken, Sägen und Stacheldraht; es gibt Ehen, die halten, bis der Tod sie scheidet. Warum kommt das nie zur Sprache, Herr Lindemann? Warum soviel Finsternis, Grausamkeit, Vergeblichkeit? Antwort: Poeten seien halt auch nur Menschen – im Frühling und Sommer bejubeln sie die Welt, im Herbst und Winter finden sie alles schrecklich; und die Musik, die ihm die Kollegen zum Betexten vorlegen, die sei doch insgesamt ziemlich winterlich.

Es werden bei Rammstein nämlich nicht Lindemanns morbide Texte vertont, er muss umgedreht zusehen, dass er in seiner Fantasie oder in seinem Archiv etwas findet, das zur dunklen Massivität der Klänge passt. In dem Maße, wie die Musik von Platte zu Platte bombastischer und operettenhafter geworden ist, haben sich zusehends auch die Texte von Parolen zu ausgewachsenen Moritaten erweitert.

Bei der ersten Platte, bei „Herzeleid“, sagt Lindemann, sei es noch um den schieren Akt des Herausschreiens gegangen – und wenn es der Satz „Ich will ficken“ war. Das war immer noch ein Anschreien gegen die DDR, gegen die Zensur, gegen alles Nichtdürfen.

Das trifft sich mit dem, was Paul Landers über die Anfänge gesagt hat: Das Ziel war „Ärger machen“, „so wie Jungs, die in den Strom fassen oder Frösche aufblasen“.

Das Ziel, muss man sagen, haben sie erreicht. Ärger gab es wirklich reichlich. Der alte Feind war zwar weg, aber es entstanden neue Gegner. Im Prinzip waren Rammstein ein finaler Reflex auf die enge, graubraune Welt mit ihren Punkkonzerten auf dem Dorf. Zugleich wurden sie damit zum Hämmerchen auf dem Knie der Bundesrepublik – und deren Reflexe blieben nicht aus: Mit Muskeln, Marschmusik und altdeutschem Vokabular spielt man nicht! In der DDR gehörte aber gerade das zum ehernen Ausdrucksarsenal des Kommunismus. Viele der bizarren Faschismusvorwürfe, an denen die Band beinahe zerbrochen wäre, beruhen letztlich auf einer profunden Sachunkenntnis und einem diffusen Ressentiment gegen den Osten. Rammstein mussten jedenfalls die Erfahrung machen, dass es auch im Westen reichlich Instanzen gibt, die einem sagen, was man nicht sagen dürfe, weil es, eventuell, womöglich und vielleicht missverstanden werden könnte, zwar nicht von einem selbst natürlich, aber doch von all den dummen anderen.

Ich persönlich habe beim Rammstein-Hören ehrlich gesagt noch nie das Bedürfnis verspürt, daraufhin selbst einen Menschen zu essen, Kinder lebendig zu vergraben oder Frauen zu foltern; und ich vermute, den meisten geht das ähnlich. Aber schon mit Blick auf den unmittelbaren Stehplatznachbarn überwiegt grundsätzlich die Sorge, der könnte nach dem Konzert in Polen einmarschieren. Ein bemerkenswerter Gesinnungspaternalismus ist das, den Rammstein da in Deutschland freigekratzt haben.

Bemerkenswert ist aber auch jedes Mal, wie sagenhaft ernst das alles genommen wird. Sind denn Rammstein nicht, gerade, wo es um Sexualradau, Mord und Totschlag geht, Produzenten von großer, schriller Komik? Die hauptamtliche Musikkritik verhält sich vor dem Phänomen aber wie der Katholische Filmdienst vor dem Genre der Horrorkomödie: „Wir raten ab“. Dass so viele Leute trotzdem zugreifen, wird dann meistens zum weiteren Indiz gegen Rammstein. Es ist der alte nationalistische deutsche Professor mit dem Zauselbart, der aus erstaunlich vielen Popkritiken spricht: Das, was Pöbel, Franzosen und Amerikaner massenhaft gut finden, kann nichts taugen.

Dabei bringt die enorme Popularität bei immer breiteren Bevölkerungskreisen tatsächlich praktische Probleme mit sich. Vor ein paar Jahren, bei einem Rammstein-Konzert in der Berliner Wuhlheide stand ich mit einem Freund vor der Bühne, der schon damals dabei war, als wir über die Felder zu den Punkkonzerten in den Landgasthöfen der DDR gestiefelt waren. Er hielt es noch wie früher: Mitgerissen von Musik und Stimmung sprang er mit ein paar anderen vor Freude heftig auf und nieder und schubste sich freundschaftlich herum. Bis ihn ein Ellenbogen in die Weichteile traf. Ein dicker, bärtiger Familienvater fühlte sich in seiner Ruhe gestört, einer, der schon das Feuerzeug in der Tasche umklammert hielt, aus lauter Vorfreude auf die Balladen, die noch kommen würden.

Mein Freund ballerte dem Mann dann eine: „Geh doch zu Peter Maffay, du Arsch!“ Tja. Was soll man davon halten? Vermutlich kommt so etwas häufiger vor. Es ist zu befürchten, dass sich Rammstein und der Schlagersänger tatsächlich zunehmend das Publikum teilen. Rammstein schreiben ja zunehmend auch Schlager. „Ohne Dich“ – auch nach Einschätzung von Paul Landers ein reiner Schlager, allerdings ein sehr guter, und deshalb könne man das auch machen. Auch das sehr lustige Lied „Pussy“, mühevoll zusammengebaut aus den international geläufigsten Wörtern der deutschen Sprache: letztlich ein Schlager, der jedes Volksfest zieren würde.

An diesem Punkt wird Rammstein auch mir allmählich unheimlich.

Mit einer gewissen Sorge hatte ich schon den recht konditorenhaften Einsatz von synthetischen Streichern und Chören seit dem Album „Mutter“ verfolgt. Dann die Vertonung von Rammstein-Songs durch ein Sinfonieorchester. Plötzlich waren da nur noch Streicher, und zwar echte. Und eines Tages sollte ich mitbekommen, dass es Leute gibt, und zwar ganz schön viele, die gar nicht wie ich „Weißes Fleisch“ für die Essenz von Rammstein halten – sondern die Balladen und die Liebeslieder! Könnte es sein, durchfuhr mich ein schrecklicher Verdacht, dass diese Menschen recht haben? Könnte es sein, dass das ganze böse Geballer, die grotesken Sexualkraftmeiereien und Gewaltphantasien – dass das nur eine perfide Verpackung ist für sentimentale Entäußerungen? So wie Jungs in der Pubertät zur Tarnung erst einmal besonders dreckig lachen, bevor sie mit leiser Stimme ihre Liebeserklärungen murmeln?

Ich weiß, dass Till Lindemanns Lieblingsbuch „Ich denke dein“ ist, eine alte DDR-Anthologie deutscher Liebeslyrik von Walter von der Vogelweide bis Claire Goll. Er besitzt über vierzig Stück davon, er kauft jedes Exemplar, das er finden kann. Und ich habe den Eindruck, dass er dieses Buch immer weiterschreibt.

Balladen! Ich hasse Balladen. Ich halte Balladen für peinlichen Kitsch. Ich möchte mir nicht nachsagen lassen, Balladen zu hören. Tue ich nämlich nicht.

Aber trotzdem kann ich den Text von „Ohne Dich“ auswendig. „Ich werde in die Tannen gehen…“, hat sich irgendwie sehr, sehr festgehakt – gegen meinen ausdrücklichen Willen. Weh mir, oh weh! Und das nehme ich Rammstein wirklich übel. Eine böse, perfide, gefährliche Band.

Quelle: Universal, Peter Richter - letztes Update: 13.11.2011
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