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Hurts

Sony Music

Der Himmel ist weiß wie ein Notizblock und die Gehwege sind sauber. Vor den Bars in der Thomas Street sitzen die Leute einzeln an Tischen, abweisend über Zigaretten und Telefone gebeugt. Ich bin unterwegs, um Hurts zu treffen. Sie arbeiten hier in der Nähe unter der Erde; schreiben Songs in einem Keller in der Nähe des Stadtzentrums von Manchester. Auf meinem Weg hinunter ins Gebäude treffe ich eine andere örtliche Band. Sie wirkt gestresst und nervös. Sie erzählen mir, dass sie gerade im Begriff sind, auf Tour zu gehen. Als sie herausfinden, dass ich mich mit Hurts treffe, setzt der Leadsänger den Verstärker ab und bricht fast in Tränen aus. „Was machen die beiden da drin?“ fragt er.

Adam Anderson und Theo Hutchcraft sitzen Seite and Seite auf Sesseln. Der Raum ist spärlich eingerichtet und der Holzboden ist staubig. An einer Wand stehen einige Aufnahmegeräte, in der Ecke gegenüber ein Mikrofon. Ab und zu zieht Anderson eine Gitarre auf den Schoss und untersucht einen Moment lang die Bundstäbchen. Hutchcraft nimmt einen Kamm aus seiner Tasche, dreht ihn zwischen den Fingern hin und her und steckt ihn dann wieder zurück. Im ersten Moment scheinen sie beide sehr unterschiedlich zu sein. Anderson, der berechnende Visionär, Hutchcraft, der geborene Pop-Star. Und dennoch ist da ein ausgeprägtes Gefühl von Loyalität zwischen den beiden Männern. Außerdem wirken die beiden unglaublich ruhig und gelassen.

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Es ist jetzt einige Monate her, dass sie bei einem Imprint von Sony unterschrieben haben. Es war eine Entscheidung, die sie in Berlin getroffen haben. Dorthin hatten sie sich zurückgezogen, um ihre Situation aus einer anderen, distanzierteren Perspektive zu betrachten. Es war ein unruhiger Zeitabschnitt. Sogar in Berlin, erzählen sie, wurden sie von einem Geschäftsführer eines deutschen Plattenlabels aufgespürt. „Er sagte uns, die Leute seien nicht glücklich,“ sagt Hutchcraft mit einem Lächeln, „und sie brauchten unsere Musik.“

Am Anfang waren Hurts von Stille umgeben. Es gab keine überdrehten House-Party-Shows, kein Getwittere, keine Posen, keinen Hype. Im letzten Jahr zogen sie regelmäßig von Vorort zu Vorort, verbrachten Zeit in Broughton, Rusholme und Bellevue und eben in Berlin. Etwas Geheimnisvolles umgibt die beiden. Auch wenn sie heute entspannt wirken und gerne über ihre Vergangenheit sprechen.

„Mein Dad war dreißig Jahre lang Milchmann in Hazel Grove,“ berichtet Anderson in aufgeräumtem, aber durchaus freundlichem Tonfall. „Ich war eigentlich noch nirgends,“ fügt er hinzu. „Mein Großvater war Truppenunterhalter. Er spielte Banjo für die Queen.”

Hutchcraft sagt er sei „geboren in North Yorkshire. Ich kam nach Manchester, nachdem ich von zuhause weg bin. Als ich jünger war, sind wir herumgereist. Wir hatten einen Wohnwagen. Wir waren eine Zeit lang in Australien, eine Zeit lang im Nahen Osten.“

Beide haben den größten Teil der vergangenen vier Jahre von Arbeitslosenhilfe gelebt. „Ich habe der Regierung erzählt, dass ich Talkshow-Gastgeber werden möchte und sie gaben mir vierundvierzig Pfund die Woche,“ sagt Anderson. „Das war okay.“ „Es war in Ordnung,“ sagt Hutchcraft. „Wir hatten nichts.“ Dazu hatten beide Nebenjobs. Während der ersten Hurts-Sessions tourte Hutchcraft mit British Superbikes und arbeitete dort backstage. Anderson filmte die Greyhound-Hunderennen auf dem Rennplatz von Bellevue. Er filmte immer noch Hunde, als es mit Hurts richtig losging. „Es war seltsam,“ sagt er. „In einem Moment schaust du einem Mann zu, der einem Hund Steroide in den Hinterlauf spritzt, im nächsten Moment telefonierst du mit Rick Rubin und er erzählt dir, wie großartig er dein Video findet.“

Anderson und Hutchcraft lernten sich vor einem Nachtclub in Manchester kennen, kurz vor Weihnachten 2005. Ihre jeweiligen Freunde waren in eine Schlägerei verwickelt und die beiden unterhielten sich über Musik. Im folgenden Jahr kommunizierten sie ausschließlich via Internet von ihren Wohnorten Salford und Longsight aus. Anderson schickte Backing Tracks. Hutchcraft schickte Gesangsaufnahmen zurück. „Es war so, als sei es uns nicht erlaubt gewesen, uns in der Öffentlichkeit zu treffen,“ sagt Anderson. „Vielleicht war das wegen deiner [Hutchcrafts] Lebensweise, ich weiß es nicht. Jedenfalls machten wir Musik zusammen bevor wir uns richtig kannten.“ Ihre musikalischen Hintergründe waren unterschiedlich. „Ich habe singen gelernt, indem ich im Club laut mitgesungen habe,“ berichtet Hutchcraft mit unbewegter Miene. Anderson versuchte sich unterdessen als Komponist für Fernsehproduktionen. „Für Channel Five habe ich mal was gemacht,“ erzählt er mir. „Aber die fanden’s schrecklich.“

Ihre letzte gemeinsame Band war „Daggers”. Keinem scheint es unangenehm zu sein, über diesen Abschnitt zu sprechen. Mit „Daggers“ hatten Hutchcraft und Anderson eine Partyband erschaffen. Eine hyperaktive Popgruppe, die das Publikum spaltete. „Daggers” folgten einem klaren Konzept. Sie waren aggressiv, feindselig und besessen von ihrer Idee von Pop. „Wir studierten ständig Songs,“ sagt Hutchcraft. „Alles war schnell. Wir wollten den perfekten Popsong schreiben. Wir wollten die größte Popband des Planeten erschaffen. Das ist uns nicht wirklich gelungen.“ Das „Daggers“-Experiment erreichte seinen Höhepunkt im September 2008, als Hutchcraft und Anderson die Band nach London brachten, um einen Showcase mit Beyoncés Schwester Solange Knowles zu spielen. „Das war eine komplette Katastrophe,” sagt Anderson. „Man konnte zusehen, wie die A&R-Leute aus dem Saal drängten.“ „Es ging schief, ” sagt Hutchcraft. „Es war eine Erleichterung.”

Ende 2008 kehrten Anderson und Hutchcraft nach Manchester zurück. „Wir waren durch. Wir hatten nichts zu tun.“ Sie fingen an, anders zu schreiben. „Es ging fast mühelos,“ sagt Hutchcraft. „Die Songs fingen einfach an zu fließen. Auf ganz andere Weise. Wir waren nicht sauer oder besorgt. Wir waren hoffnungsvoll, melancholisch. Wir setzten uns hin und schrieben diese Songs.” Spät an einem Abend schrieben sie ein Stück mit dem Titel „Unspoken”. Sie nahmen es sofort auf, hörten es noch einmal an und riefen dann die Mitglieder von „Daggers“ an, um ihnen mitzuteilen, dass es vorbei war. Am nächsten Tag flogen Hurts nach Verona.

„Wir waren auf der Suche nach Italo-Disco,“ sagt Hutchcraft, nimmt seinen Kamm aus der Tasche und lässt ihn über die Innenfläche seiner Hand gleiten. „Aber was wir gefunden haben war Disco-Lento. Das ist alles.“ In Manchester heißt es, dass Hurts in dem Monat, den sie in Verona verbracht haben, regelmäßig dort aufgetreten seien. Aber beide, Hutchcraft und Anderson geben sich gleichgültig. „Das ist vorbei,“ sagt Anderson. „Wir wohnten im Haus einer Sopranistin. Aber sie war eine Amateur-Sopranistin.“ Damit ist das Thema beendet.

Sie spielen mir etwas Musik in mittlerer Lautstärke vor. Diese Momente können ziemlich entsetzlich sein; neben Musikern auf Sesseln sitzen und sich deren Output anhören. Aber hier ist es nicht so. Die Atmosphäre ist ruhig und irgendwie heilend. Als der erste Song beginnt, fällt mir auf, dass ich keine vorgefasste Meinung, keine konkreten Erwartungen habe. Das kommt selten vor und es fühlt sich gut an. Was ich höre, klingt etwas nach dem selbstsicheren, epischen Balladen-Handwerk, das ich mit amerikanischem R&B in Verbindung bringe. Die Musik ist raumgreifend, zuversichtlich und voller Glück. Es ist zu spüren, dass Hurts eine offene, faszinierte und unkomplizierte Beziehung zu zeitgenössischer Musik pflegen. Sie nähern sich dem Songwriting auf unvoreingenommene und unbeschränkte Weise. Es ist erfrischend, sorglos. Es will nicht cool sein und nicht umständlich Genres verbinden. Das Statement von Hurts ist ein emotionales.

Obwohl der Sound global ist und ihre Geschichte seltsam europäisch, gibt es bei Hurts auch eine starke Verbindung zur Stadt Manchester. Anderson blüht nur dann wirklich auf, wenn er über die Vorstädte spricht, in denen er schreibt. „Broughton“, sagt er fast wehmütig, „Broughton ist eine wunderschöne Gegend.“ Hutchcrafts Manchester ist eher die warme, in zarten Nebel getauchte Welt von Vallette, als die Matchstick Men von LS Lowry. „Mein Blick ist tatsächlich der eines Außenstehenden,“ sagt er. „Manchester ist kein Ort, wo es nur Macho-Typen gibt, die Stress machen. Es ist ziemlich bürgerlich. Es ist erwartungsvoll und düster. Manchester respektiert sein Erbe. Es geht um Weiterentwicklung, nicht um Erhaltung des Status Quo. Darum geht es auch bei Hurts.“

„Mir gefallen die Statistiken und die Leidenschaft beim Sport,“ sagt Anderson mit fester Stimme, als ich ihn frage, was er sonst noch macht. „Ich würde mir gerne eines Tages eine Echokammer einrichten. Ich liebe Musik. Sie füllt die innere Leere, die ich fühle. Wenigstens einen Teil davon.” „Ich habe mich mein Leben lang schwer getan mit Hobbies,” sagt Hutchcraft und beisst auf die Spitze seines Daumens. „Ich liebe Otis Redding und The Righteous Brothers,“ sagt er nach einiger Zeit. „Ich mag Soulmusik. Ich liebe großartige Stimmen. Wir sind außerdem beide inspiriert von Filmsoundtracks und…” Er beisst noch einmal auf die Daumenspitze und kräuselt etwas die Stirn. „Ich schätze ich bin fasziniert von weiblichen Emotionen,“ sagt er. „Ich meine, ich interessiere mich für sie. Sie beeinflussen mich…“ Er bedeckt einen Moment lang seinen Mund mit dem seitlichen Teil seiner Handfläche. Dann lächelt er, schaut mir direkt ins Auge und sagt: „Ich höre Prince“.

Es ist, als befände man sich im Auge des Sturms. In der Stunde, die ich mit ihnen verbringe, brummt und blinkt ein auf lautlos gestelltes Telefon regelmäßig und wird immer ignoriert. Anderson und Hutchcraft sitzen einfach auf Sesseln, Seite an Seite, seelenruhig. Ihre Sätze wirken, mitunter, direkt und pragmatisch. Und dennoch haben die beiden etwas an sich, das sich warm anfühlt, humorvoll und fremd. Druck und Erwartungen scheinen auf keinem von beiden zu lasten. Sie reden über das Hühnchen-Restaurant „Nandos“. Sie sprechen über den Einfluss von Music Concrete auf die Band. Sie sind Musiker, die unumstösslich an ihre Vision glauben. Über ihr Debütalbum sprechen sie mit einem Gefühl von Aufregung, reinem Vergnügen und vollkommener Überzeugung, dass sie Menschen bewegen und unterhalten können. Als ich gehe, schließen sie sofort die Tür hinter mir ab.

Draußen auf dem Gehweg lädt die Band, die ich vorher getroffen habe, ihre Ausrüstung in einen blauen Kleinbus. „Was haben die erzählt?” fragt der Leadsänger, der nervös auf seinen dünnen Beinen kniet und an einer Zigarette zieht. „Eigentlich nur dies und das,“ sage ich. Ich stehe da und schaue einen Moment lang zu, wie sie ihre Ausrüstung durch die Gegend wuchten und merke, wie ich mir Hurts vorstelle. Unter diesem Gehweg.Wie sie Musik machen. Unfassbar ruhig.

Quelle: Four Music - letztes Update: 17.08.2011
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